„Die aktuelle Situation ist schwieriger denn je“

Straßensozialarbeiter Johan Graßhoff erklärt, was die Corona-Krise für obdachlose Menschen bedeutet

Johan Graßhoff ist täglich in der Innenstadt unterwegs und hilft obdachlosen Menschen. Durch die Corona-Pandemie hat sich das Leben auf der Straße verschlechtert. Wir fragen: Wie helfen hier Spenden?

Wie ist die aktuelle Situation auf der Straße?

Die aktuelle Situation auf Hamburgs Straßen ist schwieriger denn je. Viele Einrichtungen mussten schließen. Die meisten haben wieder auf, aber nur eingeschränkt. Es fehlt ein Platz zum Ausruhen. Bei uns im Diakonie-Zentrum dürfen, zum Infektionsschutz, immer nur eine begrenzte Anzahl an Menschen etwas essen, duschen, zur medizinischen Sprechstunde gehen oder sich einfach ausruhen. Ein weiteres Problem: An heißen Sommertagen waren die öffentlichen Trinkwasser-Spender alle abgestellt – zum Infektionsschutz. Für die obdachlosen Menschen war es schwierig, an Trinkwasser zu kommen. In der Innenstadt sind wieder sehr viele Menschen unterwegs. Das erhöht das Infektionsrisiko.

Wie können wir uns die Arbeit eines Straßensozialarbeiters unter Corona-Bedingungen vorstellen?

Durch Spenden konnte vor einigen Jahren ein Lastenfahrrad angeschafft werden, damit bin ich täglich unterwegs. Neben Decken und Isomatten verteile ich Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken, auch finanziert aus Spenden. Ich informiere die obdachlosen Menschen über COVID-19, was sie vermeiden müssen und vor allem, wo sie Hilfe bekommen. Durch den Infektionsschutz habe ich mein ‚Büro‘ auf die Straße verlegt. Für Beratungsgespräche, gemeinsames Ausfüllen von Anträgen oder Telefonaten mit Behörden ist das aber ziemlich anstrengend – das geht nun einmal besser in einem ‚echten‘ Büro. Auch beim Mitternachtsbus können wir jetzt nur mit zwei statt vier Ehrenamtlichen die Versorgung mit dem Nötigsten leisten, da fehlt oft die Zeit für ein Gespräch.

Gibt es positive Effekte durch die Pandemie?

Es gab während des Lockdowns eine Großspende eines Hamburger Unternehmens und auch viele zusätzliche Spenden an den Corona-Notfonds der Diakonie. Dadurch war es uns möglich, 170 obdachlose Menschen für fast drei Monate in Hotelzimmern unterzubringen. Die langfristige Wirkung war immens: Die Menschen sind zur Ruhe gekommen und gesundet. Dadurch konnten wir 26 Menschen in öffentliche Wohnunterkünfte und drei in eine eigene Wohnung vermitteln, sechs haben dadurch auch einen Job gefunden. Das ist einfach großartig! Ich hoffe, dass die Stadt Hamburg sieht, dass wir besser helfen können, wenn wir den Menschen eine Unterkunft ermöglichen – die vielen Spenden haben ja bereits gezeigt, dass es geht!